In den 1970er Jahren formierten sich in der DDR und der Sowjetunion Kreise kritischer Künstler*innen und Intellektueller, die in privaten Wohnungen und Ateliers eine lebendige Gegenkultur zur staatlichen Restriktion schufen. In Wolf Biermanns Wohnung in Berlin wurde Musik gemacht, gefeiert und gelesen. An „Mischkas“ Küchentisch in Moskau saßen Dichter*innen und Disident*innen, wurde verbotene Literatur abgetippt und weiterverbreitet. Der staatlichen Propaganda setzten sie Erinnerung und offenen Austausch entgegen. In ihrem Buch „Mischka“ erzählt Barbara Honigmann davon. Sie rekonstruiert das Leben und Überleben der jüdisch-kommunistischen Freund*innen ihrer Eltern sowie ihren eigenen politischen und kulturellen Bildungsweg.
Die Lesung präsentiert Auszüge aus dem Buch sowie weitere Texte jüdischer Autor*innen der DDR. Über Hoffnungen und Enttäuschungen der jüdischen Remigrant*innen nach der Shoa und die Suche nach einem eigenen, kritischen Weg ihrer Kinder folgen die Texte einem motivischen Faden: dem privaten Raum als Ort des Rückzugs und des Widerstands.
Im Anschluss unterhalten sich Sandra Anusiewicz-Baer und Marko Martin ausgehend von Motiven der Lesung über ihre eigene Erfahrung in der DDR, Möglichkeiten von Freiräumen im Autoritären und Verbindungslinien in die Gegenwart.

