In autoritären Regimen wird der öffentliche Raum für kritische Menschen eng. Freiräume müssen selbst geschaffen werden und offenbaren sich zuweilen in der größten Enge: im Privaten. In den kleinen Moskauer Küchen der 1970er Jahre oder einem DDR-Wohnzimmer konnten ganze Welten entstehen. An Küchentischen und auf Sitzgruppen drängten sich Künstler*innen und Dissident*innen, verbreiteten verbotene Literatur und Kunst, diskutierten unterdrückte Ideen. Hier entstand, was in der Öffentlichkeit keinen Platz fand: freie Kunst, Kritik und Gemeinschaft. Zugleich war dort die Gefahr des persönlichen Verrats am größten. Oft waren es nahe Angehörige und vermeintliche Vertraute, die bespitzelt und verraten haben.
Für viele Jüdinnen und Juden hatten diese Freiräume besondere Bedeutung. Vor allem die Generation der nach der Shoa Geborenen suchte in den 1970er und 1980er Jahren gleichermaßen nach einer kritischen Auseinandersetzung mit den kommunistischen Staaten und einer neuen jüdischen Identität zwischen Religion, Säkularismus und reformierten Kommunismus. Zwischen Moskau und Ost-Berlin entstand dabei ein fruchtbarer Austausch.
Mit der 4. Ausgabe von „Jüdische Ossis“ widmet sich die von Christina Kettering kuratierte Ausstellung diesen Verbindungen und nimmt Räume ganz konkret zum Ausgangspunkt. In zwei begehbaren Rauminstallationen von Simon Ostaschenko und Matthias Nebel werden eine Moskauer Küche und ein DDR-Wohnzimmer zu erkundbaren Erfahrungsorten. Mit begleitenden Hörperformances können die Besucher*innen individuell in diese Lebenswelten eintauchen.
Die Ausstellung fragt nach Möglichkeiten und Grenzen von Freiräumen in autoritären Regimen, nach dem Verhältnis von Rückzug und Opposition und nimmt auch die Gegenwart in den Blick: Wie gehen russische Oppositionelle mit Putins Russland nach dem Angriff auf die Ukraine um?

